Unvorhergesehenerweise nimmt uns heute das Moppedfahrerschicksal an die Hand und entführt uns auf den denkwürdigsten gemeinsamen Ausflug unserer Reise.

Col du Galibier, Col du Lautaret, Assietta-Kammstrasse: Colle di Sestriere, Colle Basset, Colle Bourget, Colle Costa Piana, Colle Blegier, Mt.Genevris, Colle di Lauson, Colle del Assietta, Colle delle Finestre

3.Tag Valloire-Bardonecchia (I)

Mal wieder fast früh - um 10.30 Uhr (ein Trost die vier schweren Belgier, die hier ebenfalls übernachten, kommen auch nicht früher los) - gelingt uns der Absprung von Valloire und es gibt den Col du Galibier nun eben erst zum zweiten Frühstück.
Nett zu fahren auf beiden Rampen, auf der Südrampe teilweise welliger Belag, so wie es Spass macht, alsbald stehen wir auf dem Gipfelparkplatz. Während ich noch Fotos mache, treffen zwei bayuwarische 1150GS ein, die eine mit einer Art Landkartentableau im Selbstbau aus Sperrholz und Plexiglas, das meine Aufmerksamkeit erregt.
Man sei eigentlich auf Schottertour und wolle über Briancon (der Bayer spricht es permanent wie "Brianschon") ins Italienische. Dort sei eine Superstrecke, die - er unterdrückt den abschätzigen Seitenblick auf meine VN - ich auch mit meinem Mopped fahren könne.
Es gäbe da auch eine alte Militärstrasse, die wollten sie noch heute Nachmittag, aber dort würde ich mich wohl schon ein wenig plagen.

Er erzählt noch etwas von einer ligurischen Grenzkammstrasse - hier bin ich mir zwar sicher, dass sie erheblich südlicher liegt, aber ich werd am Galibier keinen Streit mit alten Fahrensleuten anfangen.

Na gut, plagen muss nicht sein, solange die Sozia mit drauf ist, aber die sagenumwobene Gebirgsstrasse hat es mir natürlich sofort angetan. Dafür unterbechen wir auch die Route des Grandes Alpes, keine Frage!

Gesagt, getan, den Galibier hinunter, beim Col du Lautaret, auf halber Höhe an der N91 linksgeschwenkt und das Guisane-Tal hinunter nach Briancon gesurvt.

Dort erst einmal Proviant aufgefrischt, gefrühstückt und - endlich kein reiner Blindflug mehr - die guten Michelinkarten (Local - 1:150.000), drei an der Zahl, erstanden. Jetzt kann eigentlich nichts mehr schief gehen.

Hinaus geht es Richtung Claviere und über den Col de Montgenevre. Im Anstieg bleibt Montgenevre im Tal unter uns liegen, leider habe ich nur wenig Möglichkeiten den Ausblick zu geniessen und manchmal beneide ich Lollo um ihren Soziasitz.

Bei Claviere habe ich auf der Michelin-Karte eine "gefährliche oder schwierige" Strasse entdeckt und versuche mich ihr unauffällig zu nähern.
Der erste Versuch - via der ersten Abfahrt Cesana Torinese - geht schief, obwohl das Anliegersträsschen in ein hübsches Schotterwegchen mündet mit einigen tiefen Kiesriefen, die ich schlingernd überwinde, sieht es nicht danach aus, als hätte ich den Aufstieg erwischt.
So schliesse ich mich dem Protest meiner Sozia an und kurve zurück, es muss wohl der unscheinbare Abzweig zwischen den beiden weiten Kehren gewesen sein, ein anderer Weg kommt jetzt nicht mehr in Frage.
Kaum zurück geht es über ein schmäler und holperiger werdendes Schottersträsschen geradezu rasend schnell bergauf.

Hier ein Blick ins Tal irgendwo aus halber Höhe. Unter uns liegt Cesana Torinese.

Der Weg führt uns nach Sagna Longa, das im wesentlichen aus einem Skihotel und einigen Häussern besteht, logistisch angebunden durch eine private Seilbahn.
Leider verpasse ich nach dem Vesper den richtigen Weg, der uns zur Kapelle Madonna di Lago Nero und von dort weiter über Bousson zurück nach Cesana Torinese hätte führen sollen, und so kommen wir stattdessen auf einem eher inoffiziellen gnadenlosen Gefällstück schliesslich wieder nach Claviere zurück.

Genug vagabundiert - wir brechen nach Sestriere auf.

Begleitet wird die Aktion vom nicht ungeteilten Beifall meiner Sozia, sodass ich beschliesse das zweite "gefährliche oder schwierige" Stück, das mir in der Nähe noch aufgefallen ist, besser ausfallen zu lassen. Die sagenumwobene Gebirgsstrasse soll es ja ebenfalls in sich haben und ausreichend Wohlgefallen soziaseitens dafür übrig bleiben.
Kaum zu erkennen: freilaufende Schafherde am Aufstieg zum Colle del Sestriere.

Die Assietta-Kammstrasse

Um es vorweg zu nehmen, es wurde ein voller Erfolg.
Meine Sozia war hin und mit ob der ständig wechselnden wahnsinnigen Aussichten und ich war hin und mit ob der - bitteschön es ist halt ein Cruiser - recht anspruchsvollen Wegführung, die gänzlich auf Asfalt verzichtet.

Zur weiteren Stolzschwellung der Fahrerbrust trug der Umstand bei, dass wir auf der ganzen Strecke wirklich der allerallereinzigste Cruiser blieben.
Gleich oben an der Bergstation trafen wir zwei Enduristen aus Aachen, die in Salbertrand Basisstation hatten und heute die Nebenwege der Assietta erkundeten. "Das schafft sie grade noch so," meinte der Eine, natürlich beeilte ich mich hinzuzufügen, dass Hoizkessele schon ganz andere Strecken "geschafft" habe, namentlich in Kroatien. Und los gings...

Blick zurück (erkennbar ein Enduristenparadies):
über der Kuppe drunten liegt Sestriere.

Übrigens haben wir den Einstieg in die Kammstrasse zunächst mal wieder schlicht verfehlt.
Erst ein erneutes Kurven durch den Ortskern und zwei - natürlich reiseendurofahrende Kollegen, die im unscheinbaren Abzweig standen (es sieht tatsächlich zunächst eher aus als ginge es auf ein Privatgelände bevor man die fast ein Dutzend Warn- und Verbotsschilder sieht, die einem bestätigen doch richtig zu sein) - haben uns auf den richtigen Schotterweg gebracht.

Glücklicherweise war die "Strasse" trocken. Wenn es regnet dürfte sie sich in ein einziges Schlammbad verwandeln. Teilweise sind die Kehren tief ausgefahren und es haben sich viel-cm-hohe Staubhäufen gebildet.
Besonders um den Mt.Genervis herum waren die übelsten Vertreter solcher Kehren.
Am Mt.Genervis liegen Pietro Ploti und Mario Costa begraben.
Man mag nicht neidisch sein auf ihren Tod, aber die Grabstätte in dieser wundervollen Bergwelt ist schon einzigartig.

Im Hintergrund ist winzig das schmale Strässchen erkennbar das weiter zum Colle Blegier führt.

Blick vom Mt.Genervis nach Westen.
Hier muss wohl einmal ein Gebäude aus aufgeschichteten Bruchsteinen gestanden haben.

Links-Rechts-Kombination:
Man kann teilweise flott unterwegs sein...

... oder andächtigen Blickes das Panorama würdigen.
(Chisone-Tal, es blinkt der See bei Pourrieres)

Kaum zu erkennen: eine Hirtenhütte!

Ein weiterer 90-Grad-Schwenk im Anschluss an oben rechts.

Wohin man den Blick wendet bietet sich eine umwerfende Aussicht, wobei die Kammstrasse südlich des Kammes entlang führt, erst später beim Abzweig zum Colle delle Finestre überquert man den Kamm zur Nordseite nach Susa hin.

Das Schönste an der ganzen Strecke - es sind immerhin gut 58 km - ist jedoch, dass sie wenig befahren ist. Nur sehr gelegentlich trift man auf einen PKW, in unserem Falle waren es wohl kaum mehr als fünf, davon zwei im Begegnungsverkehr.
Meist ist die Strasse ausreichend breit, sodass zumindest ein Mopped problemlos passieren kann.

Oft bietet sich ein Blick "hoch vom Ross" hinein ...

... in schwindelnd tiefe Taleinschnitte.

Nun ist es nicht mehr weit bis zum Abzweig zum Colle delle Finestre. Nur noch bis zur nächsten Biegung...

... und noch die paar Serpentinen hinunter ...

... und diese hier und ...

... später dann auf Halbhöhenlage überm Tal ähnlich gewunden links wieder hinauf.
Geschafft: der Colle delle Finestre!

Jetzt nun nur noch schnell nach Susa runter.

Doch was zunächst wie eine weitere serpentinöse Verlängerung daherkommt, wird im weiteren Verlauf gnadenlos holperig und es gelingt mir beim besten Willen nicht das Quad des Postboten, der die Aussiedlergehöfte beliefert, zu überholen - bis er endlich in eine Hofeinfahrt einbiegt...

Unten schliesslich, wir sind bis ins Mark zerüttet, beginnt oberhalb von Meana di Susa ein sowas von zivilisiertes, wie mit dem Zirkel in den Hang ziseliertes, bestens alsfaltiertes Kehrensträsschen, das man an anderen Tagen frenetisch bejubeln würde, heute aber nur nochüberflüssig und lästig ist.

Endlich öffnet sich vor uns das auf mehreren Hügeln im Tal erbaute Susa.
Aber der Tag ist noch lang und so wollen wir wenigstens noch ein Stück zurück, Rtg. Bardonecchia und damit Frankreich, auf dem Weg dorthin wollen wir eine passende Herberge finden. Doch was wir finden ist unpassend oder bereits belegt.
So treffen wir gegen Abend tatsächlich noch in Bardonecchia ein, wo wir nach einigen vergeblichen Anläufen - zwischenzeitlich beginnt es sanft zu dämmern - schliesslich im Hotel d'Europe absteigen dürfen, das wirklich liebevoll eingerichtete Zimmer besitzt und im wesentlichen alleine von der Eigentümerfamilie umgetrieben wird. Die € 63.- fürs Zweibettzimmer sind durchaus angemessen.

Mit einem mehrgängiges Menü, denn hungrig sind wir nun wirklich geworden, das mit strahlenden Lächeln von den Töchtern des Hauses serviert wird, und einer feinen Flasche Wein beenden wir schliesslich diesen erlebnisreichen Tag.

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